Mit Erdbeerleggings im Auto sitzen

Ich bin ehrgeizig, vielleicht auch ein bisschen zickig. Aber eigentlich bin ich gutherzig und liebenswürdig, ich bin Mama von zwei „Warum habe ich mir das angetan? Weil sie wundervoll sind“-Kindern und ich bin Fotografin.

Im Grunde bin ich einfach nur Anna. Manchmal anstrengend, aber meistens gut drauf. Anna eben.

Zwischendurch lege ich gerne für ein paar Minuten die Füße hoch, mehr Zeit ist nicht, aber die Zeit brauche ich für mich. Die Jeans ist mir eigentlich gerade viel zu heiß, aber weil ich in zwanzig Minuten meine Tochter Linda vom Kindergarten abholen muss, bleibe ich jetzt einfach so sitzen und nippe an meiner dritten Tasse Kaffee von heute. Eineinhalb beim Frühstück, eine während ich die neue Fotostrecke durchgesehen habe … okay, die dreieinhalbte. Aber weil das kein deutsches Wort ist, eben die dritte. Die halbe Tasse am Morgen war bestimmt nicht mehr als die Hälfte gefüllt und unter 0.5 rundet man ab. Das ist der Teil von Mathematik, den ich mir gemerkt habe – weil es alltagsrelevant ist.

Ich muss über meine eigenen Gedanken lachen, wollte ich mich nicht zwanzig Minuten lang entspannen? Ja, die zwanzig Minuten! Schnell schaue ich auf die Uhr auf meinem Handy. Aber statt einer Uhrzeit springt mir etwas Rotes ins Auge. Das kann nicht sein! Ich schaue noch einmal. Doch.

Die neue App ABIOS, die ich gestern zu testen begonnen habe, zeigt mir sehr hohe Stresswerte an. Ich schaue auf die Timeline, vielleicht ist es eine Aufzeichnung von dem kleinen Streit mit meinem Freund vorher? Nein, das ist Echtzeit. Das passiert jetzt gerade. Mein Puls ist zu schnell, ich bin unruhig, nervös.

Warum? Ich entspanne doch gerade!

Der Blick fällt auf meine immer noch viel zu warme Jeans. Dann wandert er zu der Tasse Kaffee in meiner Hand und dem unbequemen Stuhl unter mir, der nur drei Meter von meiner herrlich weichen Couch entfernt steht.

Erneut ein Blick auf die Uhr. Mir bleiben noch genau 13 Minuten.

Eine Sekunde zögere ich, dann stelle ich die Tasse ab, springe auf und sause ins Schlafzimmer. Jeans weg, Erdbeerleggings an, Haargummi raus.

Sofort fühle ich mich leichter, ich laufe wieder ins Wohnzimmer, nehme mir einen kühlen Orangensaft aus dem Kühlschrank, mache die Tür zum Garten weit auf, setze mich bequem auf die Couch und atme als allererstes einmal tief durch.

Das Gezwitscher der Vögel schwebt mit dem leichten Luftzug zu mir herein und lässt mich für einen Moment die Augen schließen. Vorher werfe ich aber noch einen kurzen Blick auf mein Handy. Die roten Balken im Diagramm sind verschwunden, mein Puls ist ruhiger. Und ich habe noch 9 Minuten bis ich meine Tochter abholen muss. Ich lächle in mich hinein und beschließe, dass Linda heute eine Minute länger mit ihrer besten Freundin Sophie plaudern darf. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich mit Erdbeerleggings im Auto sitzen und beschließe, dass das ein sehr guter Plan ist …

By | 2017-07-18T11:06:40+00:00 Juli 3rd, 2017|Life Blog|Kommentare deaktiviert für Mit Erdbeerleggings im Auto sitzen

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